75 Jahre Weltkriegsruine „Alpenhaus“ – Wer den Baumkronenpfad in Beelitz besucht, ist beeindruckt von der Monumentalität der Weltkriegsruine „Alpenhaus“  und nicht weniger von dem auf ihr siedelnden „Dachwald“. Dieses so besondere bauliche Mahnmal mit dem Biotop verdankt sich der schwärzesten Stunde der alten Beelitzer Heilstätten. Ursprünglich vor über 100 Jahren als Behandlungszentrum für unter der Tuberkulose leidende Arbeiter Berlins erbaut, dienten die gesamten Beelitzer Anlagen mit ihrer hochwertigen Architektur, der fortschrittlichen Technik und den großzügigen Waldparkanlagen in beiden Weltkriegen als Lazarette für deutsche Soldaten.

Das so genannte „Alpenhaus“ ist einer der 1907 ihrer Bestimmung übergebenen Erweiterungsbauten, der 1902 eröffneten Heilstätten. In Nachfolge des bekannten Krankenhausarchitekten Heino Schmieden, prägte Fritz Schulz diesen zweiten Bauabschnitt mit einem historisierendem Baustil, welchem das ursprünglich zur Behandlung von 273 tuberkulösen Frauen dienende Haus im Innern sein Kreuzgewölbe und an der Fassade imposantes Schaufachwerk verdankt. Wie schön das Gebäude einst war, lässt sich an seinem liebevoll sanierten Pendant auf der gegenüberliegenden Straßenseite, der „Männerseite“, dem heutigen Hauptgebäude der Recura-Kliniken, ablesen. Der Namen „Alpenhaus“  basiert auf der relativen Nähe zu den „Beelitzer Alpen“. Diese sind, aus dem Aushub der Bauarbeiten gestaltete, hügelige Waldparkareale, in denen einst sogar ein eigener Alpenführer für Kurzweil der bis zu 16 Wochen in den Heilstätten verweilenden so genannten Pfleglinge sorgte.

Am 10. April 1945 wurde die letzte deutsche Armee, die nach ihrem Oberbefehlshaber genannte „Armee Wenck“, aufgestellt. Sie sollte nach Hitlers Willen das Blatt in der Schlacht um Berlin wenden … Zu dieser Zeit sammelten sich in den Beelitzer Heilstätten neben den Lazarettinsassen auch zivile Flüchtlinge auf dem Weg nach Westen. Daneben gab es, in den so genannten „Eiermannbauten“ der Heilstätten, ein Ausweichkrankenhaus für Stationen von den unter Bombardierung leidenden Krankenhäusern Berlins und Potsdams. Am 25. April schlossen die sowjetischen Armeen bei Ketzin den Ring um Berlin und kämpften bei Halbe, zwischen dem 24. und dem 28. April, die 9. Armee der Wehrmacht nieder.

In Beelitz fing die – auf einer ungefähren Linie zwischen Ferch und Niemeck stehende – „Armee Wenck“ Reste der aus dem Kessel von Halbe ausgebrochenen 9. Armee auf, die nach Beschuss von Zauchwitz und intensiven Nahkämpfen auf dem Beelitzer Friedhof die Sowjettruppen nach Wittbrietzen zurückgedrängt hatte. Auch aus Potsdam flüchtende deutsche Kampfeinheiten stießen in Beelitz zu General Wenck. Dessen Truppen gelang es durch ihre Infanteriedivision „Scharnhorst“ aus den Lazaretten in Beelitz-Heilstätten etwa 3000 Verwundete und das Personal zu evakuieren, nachdem die Heilstätten bereits einmal von den sowjetischen Truppen erobert worden waren. Unter Beschuss setzte sich die Armee Wenck – mit den geretteten Lazarettinsassen  –  an die Elbe ab, um sich amerikanischen Truppen zu ergeben. 80.000 Menschen, so erinnert ein Kreuz in der Region, starben bei dieser letzten, großen Weltkriegsschlacht auf deutschem Boden.

Bis heute sind Spuren der vor 75 Jahren stattgefundenen Kämpfe – zum Beispiel Einschusslöcher – an Gebäuden in Beelitz-Heilstätten erkennbar. Einige Gebäude, wie die stark beschädigte Anstaltskirche, wurden später abgerissen. Das „Alpenhaus“, so wird berichtet brannte eine Woche lang aus. Ob die Ursache des Brandes in einer Kampfhandlung bestand oder die Folge der wirren Zeitumstände war, das ist bis heute ungeklärt. Die bis vor kurzem der deutschen Armee als Lazarett dienenden Heilstätten wurden umgehend von der sowjetischen Armee in Nutzung übernommen. Später richtete die östliche Besatzungsmacht hier ihr größtes Militärhospital außerhalb des Mutterlandes ein, welche sie erst im August 1994 an die einst so blutig Befreiten übergab.

Im zerstörten „Alpenhaus“ wurden vor allem Kellerräume zeitenweise weiter als Lager genutzt. Im alten Speisesaal spielten Soldaten Fußball, bis dies zu gefährlich wurde. Im Wesentlichen diente das Alpenhaus aber als Lieferant von Baumaterial. Nichttragende Wände wurden abgebrochen, um beispielsweise ehemalige Liegehallen in Lagerräume und Garagen umzuwandeln. Zahlreiche Graffiti im Gebäude zeugen von kleinen Freizeitausflügen einiger hier stationierter Armeeangehöriger. Auf der beeindruckenden Weltkriegsruine siedelten sich Pionierpflanzen an. Es spross ein Dachwald – der wohl größte „Bonsaigarten“ Deutschlands, denn ohne ausreichendes Erdreich und kaum mit Wasser versorgt, gediehen die Bäume nur im Kleinwuchs und halten doch mit ihren Wurzeln die Decke des Gebäudes. Inzwischen ist dieses Biotop mit seinen rund 15 Pflanzenarten auch Heimat von Tieren – von der Zauneidechse über den Siebenschläfer bis zu Füchsen und einer Waschbärfamilie. Mit Beginn der extremen Trockensommer, seit 2018, hat auch für den Dachwald eine neue Periode seiner Geschichte begonnen. Teils seit 70 Jahren hier gewachsene Kiefern trockneten aus. Bereits jetzt ist aber zu beobachten, dass diesen Raum – ohne Zutun des Menschen – neue Gewächse nutzen und zum Licht streben.

Seit 2015 windet sich der erste Bauabschnitt des Baumkronenpfades entlang des Gebäudes und gestattet einen einmaligen Einblick. Mit der Gebäudeführung:  „Zeitmaschine Alpenhaus“, gern auch als Taschenlampenführungen zu den Erlebnisnächten, erhalten heute Besucher Grundinformationen zur Historie und Anlage der Beelitzer Heilstätten am Beispiel des Hauses. Informationen zum militärischen Kontext der Weltkriegsruine und Fakten zur Besiedlung dieses markanten Gebäudes seit Ende des II. Weltkrieges durch Tiere und Pflanzen werden durch geschulte Guides an passender Stelle ebenso unterhaltsam vermittelt, wie Wissenswertes zur Nutzung des Gebäudes als Kulisse für unterschiedliche Filmprojekte. Denn auch das gehört zur Geschichte des Hauses: Das Alpenhaus ist eine gern gebuchte Filmkulisse – immer dann, wenn eine Ruine als passender Hintergrund der Handlung benötigt wird.

Das „Alpenhaus“ wird, anders als alle andere Gebäude in den Heilstätten, die teils durch Nachwendevandalismus und Materialdiebstahl geschädigt sind, als Ruine erhalten bleiben, während die Häuser ringsumher revitalisiert werden. So wird die Geschichte des Hauses, welches 1907 seine Pforten öffnete, 1945 ausbrannte in der Zukunft als Mahnmal und Touristenattraktion fortgeschrieben.